Die heutigen Säulen der Kariesprophylaxe/Vorbeugung

Das individuelle Kariesrisiko variiert von Mensch zu Mensch ganz erheblich und ändert sich dabei auch noch im Laufe seines Lebens. Das Vorgehen in Bezug auf eine wirkungsvolle und umfassende Prophylaxe/Vorsorge muß daher stetig auf diese Bedürfnisse angepasst werden. Das zahnärztliche Ziel während des gesamten Lebens eines jeden Patienten/in ist dabei die Gefährlichkeit (Virulenz) der kariesverursachenden Bakterien auf den Zahnoberflächen so weit wie möglich zu minimieren. Hierzu stehen uns neben der reinen Prophylaxe Hilfsmittel wie hochkonzentrierte Chlorhexidinlacke und andere Schutzlacke, Xylitol, Zahnzwischenraumbürsten, Fissurenversiegelung und ggf. eine Ernährungsberatung zur Verfügung.

Der Zahn ist im wesentlichen aus einer Schmelzkappe (Enamelum) und dem Zahnbein (Dentin) aufgebaut. Der Zahnschmelz stellt die erste Berührungsfläche nach Durchbruch des Zahnes mit den Einflüssen in der Mundhöhle dar. Die Schmelzstruktur ändert sich in der Folgezeit von einer anfangs sehr leicht löslichen Mineralschicht hin zu einer schwer löslichen, stabilen Mineralschicht im mittleren Erwachsenenalter, bestehend aus Hydroxyl- und Fluorapatit. Wir erkennen hier also ein höheres Kariesrisiko kurz nach Durchbruch der sog. bleibenden noch jungen Zähne (ca. 6. bis 12. Lebensjahr).

Die Versiegelung der Backenzähne, die sogenannte Fissurenversiegelung bei Kindern und Jugendlichen soll die haarfeinen Vertiefungen auf den Kauflächen bakteriendicht mit einem Kunststofflack abdichten und verkleben. Die Zähne sollten nicht länger als ein Jahr in die Mundhöhle ragen und der Speichel sollte bei der Verarbeitung des Versiegelungsmaterials gut fern zu halten sein, dann ist die Fissurenversiegelung für das gesetzlich versicherte/n Kind/Jugendlichen sinnvoll. Nach unseren Erfahrungen jedoch ergeben sich bei ca. 75% der jungen Patienten Fissurenformen mit in der Tiefe ausgeprägten Höhlen, bei denen die normale Fissurenversiegelung kontra indiziert ist. Bei diesen Fällen müssen jene Höhlen, die vom Behandler gefühlt, gesehen und mittels Laser erkannt werden können, sicher gereinigt werden, um anschließend mit einem hochwertigen fließfähigen Kunststoff neuester Generation verschlossen zu werden. Die Alternative wäre abzuwarten bis das  zu erwartende Loch groß genug ist, um es dann zu gegebener Zeit mit einer Amalgamfüllung zu versorgen. Es kann bei kindlichen Problemfällen sinnvoller sein, diese neben der konsequenten Überwachung des Zähneputzens mit den moderenen Schutzmöglichkeiten wie z.B. Chlorhexidin enthaltenden Schutzlacken oder Xylitol -Kaugummies und -Pastillen durch ein kindliches Entwicklungsstadium zu begleiten, als eine halbherzig angebrachte Versiegelung zu versuchen.

Xylitol ist ein natürliches Kohlenhydrat, das wir in vielen Früchten und Pflanzen finden. Es entsteht unter anderem auch im Menschen bei dem normalen Kohlenhydratstoffwechsel als Zwischenprodukt. Xylitol wirkt hauptsächlich auf den schädlichen Streptokokkus mutans (Karies-Bakterien) ohne die anderen Bakterienarten zu beeinflussen. Der Mutans wird in seiner Eigenschaft Säure zu produzieren effektiv gehindert. Untersuchungen haben gezeigt, dass Mütter und Väter von Kleinkindern deutlich seltener Kariesbakterien auf diese übertragen und dadurch die Kinder bis zu 70% weniger Löcher bis zum Schuleintritt entwickeln. Karies ist ansteckend! Denken Sie hier bitte an abgeleckte Schnuller oder Löffel.  Xylitol war sogar in den Versuchen effektiver als Fluoride oder Chlorhexidinlacke.

Mit Fortschreiten der Jugendzeit vervollständigt sich das bleibende Gebiß und  ein harmonischer Zahnbogen weist zu jedem Nachbarzahn einen Kontaktpunkt auf, den es zu pflegen gilt. Wird hier nicht regelmäßig die Zahnseide eingesetzt, also nicht geputzt, lassen die ersten Löcher nicht lange auf sich warten. Wenn ich Ihnen sage: putzen Sie nie wieder die Zähne, so würde jeder sicher wissen, dass es früher oder später Löcher gibt. Genauso verhält es sich mit den Kontaktflächen der Zähne, wenn hier nicht mit einer gewissen Regelmäßigkeit die Zahnseide benutzt wird (ca. 2x/Woche), da die Zahnbürste ja nicht in diesen Bereich gelangt, gibt es folgerichtig die für den Zahnarzt bekannten Löcher im Zahn.  Weiterhin haben die Zähne nun ihre volle Größe in der Mundhöhle erreicht. Nun ist darauf zu achten, dass beim Zähneputzen besonders die Grenzflächen zum Zahnfleisch und  Zahnzwischenraum während des Bürstens erreicht werden. Motorische Defizite lassen sich bereits in dieser Lebensphase gehäuft erkennen und bedürfen daher der besonderen Zuwendung in der Prophylaxe.

Der Eintritt in das Erwachsenenalter lässt heutzutage bereits früh die ersten Auswirkungen der Genussmittel erkennen, sei es die populäre Ernährung mit Fastfood und Softdrinks oder der regelmäßige Verzehr von Süßigkeiten und zu letzt auch der Zigarettenkonsum. Alle genannten Genussmittel lassen sich im Laufe eines Lebens in den meisten Fällen in ihrer negativen Auswirkung eine recht lange Zeit aufhalten, wenn die Prophylaxe regelmäßig zur Anwendung kommt. Letztlich aufhalten lassen sich die Schäden nicht. Starke Belagsbildung mit im gesamten Gebiss folgendem Zahnstein, ein allmähliches Nachlassen der Immunkompetenz des Körpers, Ausbreiten von schädlichen Bakterien und eine negative Veränderung des Speichels sind die auf den ersten Blick sichtbaren Veränderungen im Mund.
Im Besonderen die Veränderung des Speichels nimmt der Mundflora eine ganz entscheidende  Barriere- und Schutzfunktion vor schädlichen Bakterien.

Moderne Kariesprophylaxe lässt sich für jedes Alter und jeden Risikotyp realisieren. Über die Möglichkeiten die Prophylaxeintervalle zu gestalten, hin zur Berücksichtigung von etwaigen Risikofaktoren wie medikamentös bedingte Speicheldefizite, erhöhte Bakterienindizes oder etwa Parodontose bedingte freiliegende Wurzeloberflächen können wir heute jedem Patienten ein individuelles Konzept an die Hand geben.

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